Werke
Aktuelles
Biografie
Texte
Kurse
Kontakt
Rezensionen:
Texte

"Busse aus Syrien! Wunderbar!" | MDR.DE
 
 
Plädoyer für umstrittenes Kunstwerk
"Busse aus Syrien! Wunderbar!"
 
Drei umgekippte Busse vor der Dresdner Frauenkirche haben für viele Diskussionen
gesorgt. Jetzt steht der bildende Künstler Jörn Diederichs seinem Kollegen Manaf
Halbouni bei. Ein Plädoyer für ein umstrittenes Kunstwerk.

 
von Jörn Diederichs
Portraet_Joern
Jörn Diederichs wurde 1969 in Bremen
geboren. 2009 trat er dem Künstlerbund
Dresden bei und ist seit 2013 Gastdozent
an der TU Dresden.
 
Bildrechte: Jörn Diederichs
Chapeau! Hier auf dem Dresdner Neumarkt ist die präziseste und beziehungsreichste
Installation im öffentlichen Raum montiert, welche ich seit Jahren sah. Passender geht
es nicht: Die Wunden des Krieges anderer Orte neben den unseren zu zeigen und
somit zu sagen, dass Krieg überall und international die Menschen bedroht. Diese
nachgebauten syrischen Barrikaden (hochgestellte Verkehrsbusse) nehmen im
gleichen Moment einer missverstandenen Dresdner Barockkulisse kraftvoll und
elegant ihre verlogene Einzigartigkeit und bemüht restaurierte Geschichtslosigkeit.
Endlich!! Wir können aufatmen. Busse aus Syrien! Wunderbar! Auch wenn diese hier
offensichtlich von den Bayreuther Verkehrsbetrieben gesponsert sind. Aber das gibt
ihnen sogar wagnerisches Format. (Richard Wagner musste sich ja in dieser Stadt
bekanntlich ebenfalls mit Barrikaden befassen und hätte sich bestimmt gefreut.) In
Ihrer Wuchtigkeit ragen diese Monumente gleich neben dem Lutherdenkmal in den
Himmel und scheinen mit ihm zu sagen: "Hier stehe ich und kann nicht anders."
Busse
Die drei umgekippten Busse bestimmen seit
Tagen die Diskussionen in Dresden.
 
Bildrechte: dpa
Hier stimmt eben auch das Maß. Denn an diesem Ort der monumentalen
Konstruktion, der monumentalen Zerstörung und des ebenso monumentalen
Wiederaufbaus sollte man genauso monumental inszenieren, wenn man seine
Raumintervention in wirkungsvoller Beziehung zu den ganz großen Maßen der
Umgebung setzen möchte. Das ist dem Künstler hervorragend gelungen.
 
Auf den Kopf gestellt! Wie die ganze syrische Gesellschaft
 
Ein Verkehrsbus steht ja als Symbol für Zivilgesellschaft schlechthin. Jeder kennt ihn.
Alle fahren damit. Wenn nun jemand einen Bus umkippt und auf das Heck stellt, so
dass man in die Motorteile der Maschine und des Unterbodens hineinsehen kann,
wirkt es so, als hätte man einen gutmütigen technischen Elefanten geschlachtet. Seine
verletzbaren Eingeweide werden sichtbar und man meint beinahe, das Aufstöhnen
und Quietschen von schwerem Metall zu vernehmen. Weiter oben sind in gekippter
Form, durch die Fenster, die Spuren des ehemals normalen, jetzt aber nicht mehr
anwesenden Lebens zu spüren. Man hört beinahe noch das Klappen und Zischen der
hydraulischen Bustüren, hört vergangene Stimmen von Schulkindern, oder sieht
Erwachsene sich in den baumelnden Halteschlaufen festhalten. Lakonisch mahnt ein
Aufkleber, dass Schwarzfahren verboten sei. Aber das alles ist vorbei! Ausgekippt!
Umgekippt! Auf den Kopf gestellt! Wie die ganze syrische Gesellschaft in diesem
Kriegszustand.

Einzig der zitternde Rückspiegel des wie zu Tode erschrocken aufgebäumten Busses
zeigt fragend und leer in den Himmel. Wo sind sie hin? Die Schulkinder? Der Busfahrer?
Leben sie wenigstens noch? Erzeugt wurden solche Rauminterventionen von
namenlosen kämpfenden Menschen als Barrikaden. Aber der Künstler Manaf Halbouni
hat ihren skulpturalen Kunstwert und hohen Symbolwert mit sicherem Blick erkannt,
herausgehoben und dann noch in Beziehung zur Geschichte Dresdens gesetzt. Sehr
gut.
Aber, wie zu erwarten, gibt es neben dem vielen öffentlichem Lob, auch Kritiken
unterschiedlichster Qualitäten. Mit plakativen Schmährufen wie "Schande" und
"entartete Kunst" ist noch relativ leicht umzugehen, da sie schnell als belastete Sprache
entlarvt werden können. Diese Leute führen sich selbst bis zur Kenntlichkeit auf.
Anders aber ist es mit ebenso missgünstigen Versuchen, diese Installation infrage zu
stellen,  welche von Menschen kommen, die sich feiner und ziselierter ausdrücken
können, aber aus der gleichen ressentimentgeladenen Ecke kommen.
Proteste
Proteste bei der Einweihung des Kunstwerks.
 
Bildrechte: dpa
Postmoderne Relativierungskultur?
 
Lustig sind auch Vorwürfe wie "postmoderne Relativierungskultur". Was soll das denn
sein? Dazu möchte ich sagen, dass ich relativ gern ein Relativist bin. Manchmal. In
diesem Fall aber ganz sicher. Denn in den meisten Fällen entspricht die von außen
herangetragene Aufforderung, mich zwischen "entweder" und "oder" zu entscheiden,
nicht den Verhältnissen des wirklichen Lebens. Beispielfrage an mich: "Haben Sie Beine
oder Arme?" Ich: "Äh... sowohl als auch." - Bin ich jetzt ein blöder postmoderner
Relativist?
Bildrechte_Karsten_Wolf
Bildrechte: MDR/Karsten Wolf
"Sowohl als auch" würde ich natürlich auch auf die Frage antworten: "Hegen Sie
Mitgefühl für die Opfer der Dresdner Bombennächte oder für die Kriegsopfer von
Aleppo?" Und ja, selbstverständlich: Fliegerbombennächte sind nicht haargenau
dasselbe wie Barrikadenkämpfe. Dieses Grundwissen setze ich aber mal voraus.
Das kann auch nicht der Maßstab sein. Das behauptet das Kunstwerk doch gar nicht.
Es gibt aber sehr wohl große existenzielle Gemeinsamkeiten für Menschen in
Kriegssituationen.
 
Dieser neurotische Begriff der Relativierung macht ja schon den Wunsch deutlich, das
eigene Sein abzugrenzen, zu verkürzen und zu monopolisieren. Dahinter steckt wohl
die Angst, durch das schlichte Vorhandensein von Nachbarschaften irgendwie
verschwinden zu sollen. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die neue Frauenkirche, Martin
Luther-Denkmal, Barockkulisse, alles ist doch präsenter denn je und verschwindet
eben nicht, nur weil sich etwas Neues dazugesellt.
 
An der Stelle eine gewagte, vielleicht etwas anmaßende Perspektive von mir: Wenn ich
im Luftschutzkeller sitzen würde und käme in den nächsten Momenten durch
Brandbomben qualvoll ums Leben - ich habe mein Testament zwar noch nicht mal
angefangen, aber dies kann ich mit Sicherheit schon mal sagen - ich hätte nichts
dagegen, wenn später beim Gedenken meines sinnlosen Todes auch anderer
Menschen gedacht würde, die von ähnlicher Gewalt betroffen sind. Im Gegenteil. Ich
würde das begrüßen. Und ich glaube, dass es anderen Toten auch so geht.
 
Daher ist diese zeitgemäße Installation für Dresden absolut wichtig. Und ich würde
mich freuen, sie auch nach Ablauf der Aufstellungsdauer bis April noch dort sehen zu
dürfen.
Danke Manaf! Danke Dresden! DAS IST WIEDER MEINE STADT! Darin möchte ich leben.
Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch in Hörfunk und
Fernsehen:

MDR 1 RADIO SACHSEN | 06.02.2017 | ganztägig
MDR SACHSENSPIEGEL | 6./7.2.2017 | 19:00 Uhr
Zuletzt aktualisiert: 13. April 2018, 19:05 Uhr
 
89 Kommentare
 
? 15.02.2017,

11:05
| ralf meier
 
@14.02.2017 21:55 Jörn Diederichs, Hallo Herr Diederichs, wollen Sie mir verraten, wo Herr
Arbogast von 'Geheimwissen raunte' ? Ich empfinde es auch nicht intelligent, Herrn Arbogast
vorzuwerfen, es sei bösartig, von einem Plagiat zu sprechen. Sein Vorwurf wurde doch von
Herrn Manaf Halbouni bestätigt. Dieser hat ausdrücklich festgestellt, daß er seine
Installation genau so durchführte, wie auf dem ihm vorliegenden Foto, sprich ohne
Fähnchen. Um es Ihnen noch deutlicher zu erläutern. Herr Manaf hätte ein Fähnchen
(vielleicht ein Regenbogenfähnchen) setzen müssen, um ihrem 'lang und breit' geäußertem
Kunstverständnis gerecht zu werden .

 
? 15.02.2017,

08:37
| ach so
 
Ich werde den Eindruck nicht los das sich hier zwei Künstler auf Kosten der allgameinheit
gegenseitig feiern. Egal wie es ausgeht man ist wieder im Gespräch. Ein Blick auf die
Homepages der beiden offenbahrt vieles. Während Herr Halbouni Europa erobern und
Islamisieren würde(niemand hat die Araber daran gehindert die Dampfmaschine und den
Verbrennungsmoter zu erfinden).Bei Jörn Diederichs finde ich den letzten Eintrag von 2014!
Wie sprach doch Wilhelm Busch: "Leicht kommt man an das Bildermalen, doch schwer an
Leute die's bezahlen"
 
? 15.02.2017,
04:24
|
Ralf Michael Ittermann
 
Leider ist hier - verständlicherweise - nach 1000 Zeichen Schluss. Trotzdem: Jörn Diederichs
spricht den "Neumarkt-Aufbau" an.
Verständlicherweise liebt der Mensch das Aufräumen ...
Deshalb haben wir also eine in jeder Hinsicht überflüssige Frauenkirche.
Um sie herum entsteht seit einigen Jahren Betonbarock.
Als Nichtdresdner frage ich mich, was das Ganze soll. Geschichtsvergessenheit,
Geschichtsverdrängung oder der Wunsch nach Leben in der Vergangenheit? Das "Alte
Dresden" gibt es nicht mehr, es ist einfach weggebomt ... tragisch, sicherlich, aber es ist
einfach so. Die mehr als 20000 Toten ... beklatschen sie Betonkitsch? Dresden ist eine Stadt
im 21. Jahrhundert. Sie hat eine Vergangenheit, ja; aber ihr gebührt auch eine Zukunft ... und
das sind wir!
Dresden 21 - bunt, weltoffen, modern ... einfach "geil"!
 
? 15.02.2017,
03:45
|
Ralf Michael Ittermann
 
Mein Gott ... DREI Busse vor diesem Möchtegern-Denkmal Frauenkirche ... ich fasse es nicht!
Dieser ganze und völlig überflüssige Sakralbau hätte mit hochkannt aufgestellten
Schrottbussen aus Dresden eingekreist werden müssen - dann hätte es vielleicht auch der
blödeste Pegidasympatisant kapiert. Aber so ... ein "DENK-mal-nach", das erklärt werden
muss, ist keines. Eine vertane Chance, schade.
Nichtsdestotrotz: Kunst soll zum Nachdenken anregen. Die drei Busse werden dem mehr als
gerecht.
ABER: Jörn Diederichs spricht den seiner Meinung nach unpassenden Aufbau auf dem
"Neumarkt" an.
Nun, auch ich bin Nichtdresdner und sollte vielleicht besser "die Klappe halten".
Nein, seit 17 Jahren lebe ich nun hier.
Die "Menschenkette" - eine Farce, da mittlerweile Hintergrund für Posts: Guck mal, ich war
auch da!
Ordner, die nicht wissen, wie man sich aufstellen soll: mit dem Rücken zur "Frauenkirche"
oder zum "freien Land"?
Wer etwas verteidigen will, schaut Richtung Feind.
 
? 15.02.2017,
03:23
|
Querdenker
 
@75 Jörn Diederichs - - - Zitat: „Dem Künstler ein Plagiat vorzuwerfen,...“ - - - Da die
Islamisten mutmaßlich der Barrikade aufgestellt haben, handelt es sich um "islamistische
Kriegskunst". Und diese zu kopieren ist ein Plagiat. Im „Urheberrechtsgesetz“ herumblättert.
;-) Haha
 
 
15.02.2017,
00:36
|
Querdenker
 
@76 Jörn Diederichs - (zu mein Beitrag 62): Die Islamisten bezeichnen sich als
„Gotteskrieger“. Und wie gesagt, Barrikaden mit Fahrzeugen mussten wir hier auch schon
aufstellen gegen Islamisten zum Schutz auf Weihnachtsmärkten. Wer sich an „politischer
Kunst“ versucht, der sollte gut vorbereitet sein. Und der Künstler war es finde nicht. Das
werfe ich ihm vor. - - - Ihr Vergleich mit Otto Dix und Francisco de Goya finde ich wiederum
Zitat „unterirdisch“. Während die beiden das Grauen des Krieges ins Bild setzen, bekommen
wir von dem Künstler drei äußerlich intakte Busse vorgesetzt. Er zeigt ja eben gerade nicht
das Grauen des Krieges. Es ist „politische Kunst“ gewollt und nicht gekonnt. Er gibt keinen
Hinweis oder Richtung mit „Monument“ vor für max. Aufmerksamkeit. Er erzählte etwas von
moderner „Freiheitsstatur“! Er kann sich gar nicht beschweren, wenn man es anders
interpretiert. Sein Kunstwerk hat er finde teilweise in den Sand gesetzt. Natürlich versucht
man es nun zu verteidigen.
 
? 14.02.2017,
22:49
|
Querdenker
 
@75 Jörn Diederichs - - Zitat: „Diese Vorlage wird selbstverständlich im Sinne des Künstlers
bearbeitet.“ - - Er hat die Vorlage ja eben gerade nicht bearbeitet, abgesehen von der Fahne.
Das hätte ich mir ja eigentlich von dem Künstler gewünscht, dass er die „Kriegs-Installation“
künstlerisch erobert in Bild und Wort. Er hat aber nur die Kriegsbarrikade von Syrien hier
aufgebaut. Da unten wütet immer noch der Islamismus und wir hatten hier islamistische
Terroranschläge. Und nach dem Terroranschlag in Berlin wurden Weihnachtsmärkte in
Deutschland auch mit Fahrzeugen der Schausteller geschützt. Es wurden also Barrikaden mit
Fahrzeugen vor Weihnachtsmärkten aufgebaut.
Er sollte die drei Schrottbusse vor dem „World Trade Center“ in New York aufzubauen und
dieses Kunstwerk dann „Die drei Türme von Syrien“ nennen! Die USA hat den Nahen Osten
destabilisiert und dort hat mit einem islamistischen Terroranschlag alles seinen Anfang
genommen. Das wäre dann ein Mahnmal gegen den Krieg.
 
? 14.02.2017,
22:10
|
Querdenker
 
@76 Jörn Diederichs - (zu mein Beitrag 62) Es ist nicht unterirdisch und ihr Vergleich mit
Goya und Dix hinkt. Otto Dix hat z.B. sein Bild „Der Krieg“ genannt! Der Künstler hat sein
Werk am Anfang als moderne „Freiheitsstatur“ bezeichnet und Symbol für „Frieden“. Auf den
Bussen in Syrien wehte die Fahne der Islamisten und es gibt deutliche Indizien dafür, dass
diese „Kriegsinstallation“ in Aleppo von Islamisten aufgebaut wurde. Dieser Kopie *nicht*
huldigen zu wollen ist völlig legitim. Das Bild mit der Fahne ging früher um die Welt. Es war
einfach im Internet zu finden. In Syrien kämpfen viele Islamisten-Gruppen. Außerdem habe
ich die Begrifflichkeit Zitat "neuen Kriegsgott" gar nicht benutzt. Es ist nämlich ein alter und
sehr bekannter „Gott des Krieges“ der in Syrien wütet. Er ist schon seit weit über 1000 Jahre
alt. *** Weihnachtsmärkte wurden nach dem Terroranschlag in Berlin auch mit Fahrzeugen
von den Schaustellern geschützt! Mit den Gefühlen der Menschen spielt man nicht.
 
? 14.02.2017,
21:55
| Jörn Diederichs
 
Ja selbstverständlich kenne ich Herrn Halbouni. Und ich weiß in der Tat "Genaueres" zum
allgemeinen Vorgang der Skulpturenerzeugung. Zumindest soviel, daß dafür Vorbilder und
Fotos benutzt werden. Das ist aber kein Geheimwissen wie Herr Arbogast hier raunen
möchte. Ich finde es auch geradezu bösartig, daß Herr Arbogast trotzdem noch von Plagiat
redet, wo ich doch gerade lang und breit darlegte, warum es keines sein kann. Wenn das die
neuen Argumente sein sollen... Prost Mahlzeit. Trump! Ganz genau so macht er es auch.